Intro: Wie schön! In meiner alten und neuen Heimat, in Augsburg wie in Dresden, scheint einhellig die Sonne und hier wie dort strömen die Menschen ins Freie und genießen die Wärme des kommenden Frühlings. So auch ein lässig elegant gekleideter Herr mit Hut am Tisch eines Eiscafés. Vor sich ein Espresso und ein Notizbuch voll frischer Ideen. Mehr braucht es nicht für ein gutes Gespräch über Humor, Nachrichtenkonsum und rote Linien. 
Was notierst du denn da gerade?
Philipp: Ich habe heute Abend eine Vorstellung und mach mir dafür noch ein paar Notizen.
Du gibst eine Vorstellung?
Ja, ich bin Kabarettist und trete hier in Dresden in der Herkuleskeule auf, das ist ein Kabarett-Theater. Hier in dem Notizbuch sammle ich immer so Gedanken über Dinge, die in den letzten Tagen passiert sind, über die ich ein paar Sachen sagen möchte.
Weltpolitische Dinge oder eher so persönlich.
Weltpolitisch. Gestern hat zum Beispiel die Außenbeauftragte der EU neue Sanktionen gegen den Iran gefordert, das finde ich aberwitzig.
Ist die derzeitige Weltlage für euch Kabarettisten eher ein Segen, weil es so viel Stoff gibt, oder ein Fluch, weil die Realität so aberwitzig ist, dass man sie kaum toppen kann?
Man kann die Weltlage nicht toppen, aber man kann die Dinge in ein Verhältnis zueinander setzen und dadurch wiederum die Absurdität aufzeigen. Wenn etwa der Iran mit Sanktionen belegt werden soll, weil er sich gegen die Angriffe der USA und Israels wehrt. Das wäre ja so, als würde man der Ukraine mit Sanktionen drohen, weil es sich gegen Russland verteidigt. Da wird mit zweierlei Maß gemessen und ich glaube, das aufzuzeigen und Stellung zu nehmen, ist derzeit wichtig.
Bist du morgens dann freudig gespannt, was wieder alles passiert ist und dir Stoff liefert oder deprimiert dich das Weltgeschehen?
Ich habe meinen Nachrichtenkonsum momentan auf eine Stunde am Tag reduziert. In der Stunde schaue ich mir dann meine drei, vier Abos an und lese, was mich interessiert. Wenn ich das nicht machen würde, wäre ich auf Dauer innerlich permanent unruhig. Mein Leben ist eigentlich so gut gerade und wenn da im Hintergrund ständig etwas ist, was einen umtreibt, dann ist das einfach schlecht für einen. Das will ich nicht, ich will auch noch Zeit für meine Frau, meine Kinder und ein gutes Buch haben, auch wenn das kitschig klingt.
Das klingt vorbildlich. Man könnte überlegen, was ein Otto-Normalverbraucher von Kabarettisten lernen kann.
Ach, ich weiß nicht, ich bin ja genauso ein Otto-Normalverbraucher.
Aber du gehst professionell mit der Absurdität der Welt um.
Ich glaube, das hängt gar nicht so sehr mit meinem Beruf zusammen. Mir geht’s besser, seit ich nicht in jeder freien Sekunde die Nachrichtenapp öffne und auch kaum noch auf Facebook oder Instagram unterwegs bin. Da verliert man so viel Zeit, man wird so abgelenkt und da bleibt so viel im Kopf und in der Seele hängen, was man den ganzen Tag mit sich herumträgt, und das will ich nicht mehr.
Was muss passieren, dass einem Kabarettisten das Lachen vergeht?
Naja, es ist ja nicht so, dass ich lachend durch die Welt rennen würde. Es geht bei mir eher darum, dass ich eine Pointe finde.
Sind Kabarettisten in Wahrheit oft eher melancholische Typen?
Ich glaube, das ist ein Mythos. Künstler sind wie alle Menschen, ambivalent eben, nur dass der eine Künstler wird und der andere Klempner.
Hast du schon erlebt, dass ein Publikum dich total unlustig fand und kein einziges Mal gelacht hat?
Dass sie kein einziges Mal gelacht hätten, nicht, aber was durchaus vorkam, war, dass der ganze Abend ein Missverständnis war. Dass mir da Erwartungen entgegenschlugen, die ich überhaupt nicht erfüllen konnte oder wollte.
Was haben die Leute denn erwartet?
Anderer Humor, andere Inhalte, nicht so politisch, politischer, mehr links, mehr rechts.
Wenn du gerade links und rechts erwähnst: Muss gutes Kabarett eigentlich links sein?
Ich glaube, dass die Links-Rechts-Kategorie überhaupt nicht mehr funktioniert. Es ändert sich doch täglich, was links und was rechts ist. Wenn du fragst, ob die grenzenlose Unterstützung der Ukraine mit Waffen die beste Idee ist, dann wird man in die Nähe der AfD oder des BSW gerückt. Für mich passen diese Kategorien aber nicht mehr. Jeder muss sagen, was er denkt und beobachtet. Was soll man denn mit dem Label links oder rechts? Das dient doch nur dazu, jemanden einzuordnen und sich nicht mehr mit dem Argument beschäftigen zu müssen.
Aber was wäre denn für dich als Zuseher inakzeptabel? Irgendein Kriterium muss es doch geben.
(überlegt) Ich fände es erstmal schwierig, wenn das, was ich sehe, nicht komisch ist. Aber ich weiß gar nicht genau, wo für mich die Grenze wäre. Ich glaube, wenn jemand nur noch spekulative Witze macht, um billige Lacher zu kriegen. Es gibt in der Szene die Formulierung, dass das Publikum einfach sein Eintrittsgeld ablachen soll und da bin ich schon raus. Das ist genauso schlimm, wie wenn man sagt, man will mal wieder richtig schön abschalten. Denn genau dafür soll man ja nicht ins Kabarett gehen. Was ich von Kunst und Theater erwarte, ist eben nicht abschalten, sondern anschalten. Kabarett darf sich nicht darin erschöpfen, dass man den gleichen Feind hat und dann eben ein paar Witze über ihn macht.
Man ist sich einig, dass man auf der richtigen Seite steht.
Ich denke, wer glaubt, dass er auf der richtigen Seite steht, beweist schon, dass er bekloppt ist.
Wieso?
Was ist denn die richtige Seite?
Das beurteilt man aus dem eigenen Weltbild und der eigenen Moral.
Ja, aber das ist doch überheblich, sich da so sicher zu sein.
Gut, vielleicht muss man sich ab und an fragen, ob man in Wahrheit ein selbstgerechter Pisser ist.
Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.
Das wäre doch ein nettes Mantra für dich morgens nach dem Aufstehen.
Das wäre mir ein bisschen zu krass. Aber zu denken, man stünde auf der richtigen Seite, heißt ja, dass es auch eine falsche Seite gibt und alle, die nicht auf deiner Seite stehen, sind dann falsch. So funktioniert aber Kommunikation in einer Gesellschaft nicht.
Man muss demnach im Dialog bleiben?
Das ist auch so ein Allgemeinplatz. Der Dialog sieht ja momentan so aus, dass die, die sich auf der richtigen Seite wähnen, bewusst in den Dialog mit Andersdenkenden gehen, aber natürlich immer genau wissen, dass sie es ja sowieso wissen. Dann brauchen sie nur die richtigen Argumente und Strategien, damit die anderen es endlich mal verstehen, warum sie falsch denken. Ein echter Dialog sollte aber ergebnisoffen sein und das findet doch kaum statt.
Aber schau mal, wenn man das jetzt so weiterdenkt, dann wäre ja jede Haltung überheblich, weil die Gegenseite auch recht haben könnte. Dann wäre jede politische Äußerung unsinnig und auf Demonstrationen zu gehen wäre der Gipfel der Selbstgerechtigkeit, weil man sich ja ganz demonstrativ auf eine Seite stellt.
Das stimmt. Ich habe deswegen auch ein gespaltenes Verhältnis zu Demos. Ich war aber auch schon auf vielen Demos, zuletzt bei einer Mahnwache zum Ukrainekrieg, aber auch da habe ich gemerkt, dass die Ansichten der Teilnehmer zum Teil weit auseinandergehen. Da wurde dann jemand ausgebuht, weil er den Begriff der Kriegstüchtigkeit kritisiert hat.
Du hast doch selbst auch Standpunkte. Nehmen wir an, nach deiner Vorstellung kommt jemand zu dir und sagt: Sie wissen ja, dass die Juden und die Freimaurer die ganzen Kriege anzetteln?
Dann würde ich sagen: Entschuldigen Sie, aber ich halte das für Schwachsinn, was Sie da erzählen. Über Unsinn muss man nicht diskutieren.
Es gibt also eine rote Linie: Die Unsinnsgrenze.
Für andere hat der Unsinn natürlich eine andere Grenze.
Aber wie willst du mit jemandem ins Gespräch kommen, für den das, was du als Unsinn siehst, die tiefste Wahrheit ist?
Ich könnte fragen, warum er das sagt.
Er würde sagen, dass er sich gut informiert hat, jenseits des Mainstreams.
Gerade hier im Osten kommt es öfter vor, dass Leute nach der Vorstellung zu mir kommen und mir erklären, dass Putin sich nur verteidigt, weil die NATO immer näher an Russland heranrückt. Da sage ich dann regelmäßig: Das ist für mich eine völlig unzureichende und unzulässige Vereinfachung, die ich nicht mitgehe. Vielleicht ist das meine Grenze. Wenn jemand versucht, zu einfache Antworten zu geben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Zufallsinterview
Idee und Umsetzung – Marcus Ertle
Über den Autor: Marcus Ertle studierte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg. Er arbeitet als freier Journalist und Autor. Seine Texte und Interviews erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, im SZ-Magazin, im Stern, im Tagesspiegel und bei Krautreporter. Heute lebt er mit seiner Familie in Pieschen. Seine Zufallsinterviewserie „Warten auf …“ erscheint seit vielen Jahren im Augsburger Stadtmagazin Neue Szene und nun auch bei Pieschen-Aktuell.




